[ERFAHRUNG] In Vielfalt verloren

Hier könnt Ihr Euch, völlig unabhängig davon, welche Kamera Ihr besitzt, über Themen rund um die Fotografie unterhalten und Bilder präsentieren.
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DennisR
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[ERFAHRUNG] In Vielfalt verloren

Beitrag von DennisR » Samstag 28. Juli 2018, 13:02

Kleiner allgemeiner Hinweis:
Ich bin jemand, der gerne Erfahrungen mit Dingen niederschreibt, die mich interessieren. Ich tue dies, weil ich weder persönlich noch über das Internet persönlichere Kontakte habe, mit denen ich das meiste davon teilen kann, ohne das Gefühl zu bekommen, die Personen damit zu langweilen. Ihr kennt ja sicherlich auch das Gefühl, wenn ihr energisch und motiviert über etwas redet und dann irgendwann feststellt, das die Person gegenüber schon lengst mit dem Kopf wieder woanders ist und sich durch das Gespräch quält. Aus diesem Grund schreibe ich es dann lieber nieder und Personsen, die das interessiert können es lesen und die jenigen, die es nicht interessiert lassen es einfach bleiben. Aber keine Sorge. In diesem Forum tue ich das nur im Bezug auf Fotografie, Videografie und dafür benötigtes Equipment. ;)
In Vielfalt verloren ... oder "Die Qual der Wahl"
In diesem Erfahrungsbericht möchte ich einfach mal meine Erfahrungen niederschreiben, die ich bei der Auswahl meines zukünftigen Systems gemacht habe. Es ist zwar viel Text. Aber ich möchte auch versuchen, meine Gedankengänge im O-Ton etwas herauszuarbeiten. Vielleicht ist der ein oder andere davon inspiriert. Vielleicht kann auch jemand das gleiche Lied davon singen. Ich wünsche trotzdem viel Spaß beim lesen :)

Die Stunde "0"
Wenn man mit Kamera's an Grenzen stößt, kann das viele Gründe haben. Es kann die Kamera sein. Es kann das Objektiv sein. Es kann aber auch ein schlechter Blitzauslöser oder ein zu dunkles Dauerlicht sein. Bei mir ist es im Grunde alles. Bei mir sind momentan bis auf die alte EOS 1000D alle Kamera's mit dem Objektiv fest verheiratet. Ist das Objektiv schlecht, ist damit also auch gleichzeitig die Kamera schlecht. Ein Dauerlicht besitze ich momentan nicht. Und kein Dauerlicht ist bekanntermaßen dunkler als alle anderen Dauerlichter. Das gleiche gilt für den Blitzauslöser. Wenn keiner da ist ... und so weiter. Die EOS hat allerdings ein paar kleine Probleme. Sie ist alt, sie ist träge, der Vorbesitzer hat sie nie reinigen lassen und bei dem Alter ist die Reinigung teurer als ein guter Gebrauchtpreis. Und die beiden Kit-Objektive sind auch nicht so der Knaller, weswegen ich nicht daran festhalten muss. Man kann also im Grunde von einem unglaublichen Glück sprechen, das ich im Bezug auf Systemkamera's jungfräulich das erste richtige und ernsthafte System auswählen darf. Und damit begann der Abstieg in die Hölle der Vielfalt und das Unverständnis hinter der Auswahl.

Einmal durch alle durch
Ich bin Preis- und somit auch Preis-Leistungsorientiert. Ich will nach Möglichkeit so viel wie möglich für so wenig wie möglich. Bin dabei aber auch auf Qualität bedacht. Ich bin also bereit, für bestimmte Merkmale auch mehr zu bezahlen, wo hingegen ich auch wieder nicht bereit dazu bin, für etwas zu zahlen, was ich nicht will. Mein Pensum für solche Dinge ist bereits mit der Rundfunkgebühr ausgereizt. Mehr unnützes brauch ich nicht. Aber der Kostenfaktor ist bei mir auch so gravierend, das die Wahl hier nicht auf eine Zweitkamera/Zweitsystem fällt. Sondern es ist und bleibt das Hauptsystem und die FZ1000 wird die Zweitkamera.

Nun steht also die erste Entscheidung an. Was interessiert mich denn genau? Fotografie! Videografie! Gerne auch mit 4K, wobei ich hier keine 60 FPS brauche. Fotografie sollte wirklich im breiten Spektrum zur Verfügung stehen. Allerdings gehören Sport, Wildlife oder Studiofotografie nicht dazu. Für ersteres bin ich zu schnell gelangweilt, für das nächste bin ich zu knapp am Geld (Hunde, Katzen oder ruhige Tiere im Zoo bezeichne ich nicht als Wildlife und eine Afrika oder Süd-Amerika Reise kostet einiges) und für letzteres sind mir die Ergebnisse zu sauber/clean. Aber Porträt im freien oder coolen Locations, Street-Fotografie, Natur, Architektur usw. sind Dinge, die mich reizen. Und das bedeutet auch gleichzeitig Freistellung, Weitwinkel, perspektiven nutzen können, blitzen integriert oder per System. Zusammen mit der Videografie suche ich also die klassische eierlegende-Woll-Milch-Sau für den schmalen Taler. Ich weiß! Der Witz war gut!

Das Spektrum ist gesetzt und nun geht es um den Sensor. Kleinbild (umgangssprachlich als Vollformat bezeichnet) kann eigentlich alles gut, aber nicht zu einem für mich akzeptablen Preis. Die Schere zwischen der Objektivqualität und dem Preis geht bei steigender Qualität gefühlt überproportional auseinander. Sony 50mm 1.8 für 200 € oder doch lieber das 50mm 1.4 für 1.500 €? Über das 200 € Objektiv gehen die Meinungen weit auseinander. Von "völlig unbrauchbar" bis hin zu "kann man nutzen". Aber im grunde kommt man immer zum gleichen Schluss. Um KB auszureizen, muss man ordentlich in die Objektive investieren. Die momentan attraktivste Kamera ist die Alpha 7 II. Der Preis geht eigentlich in Ordnung. Video geht auch ... bis FullHD. Ouch! Die Mark 3 kostet mal so eben 1.000 € mehr. Und dann kommt ein Fotograf mit Erfahrung um die Ecke und sagt mir, das die Mark 2 deswegen so günstig ist, weil sie bei ISO 1600 rauscht. Bei Vollformat? Seltsam? Naja es gibt ja noch DSLR. Aber als ich da die Preise und die Video-Ausstattung gesehen habe war die Nummer direkt erledigt.

Also geht es zum ersten Kompromiss und der Blick fällt auf APS-C. Auch hier geht ja der erste Blick zu Sony. Gute APS-C Sensoren hin oder her. Aber die Kamera's sind alle im Messsucher-Design. Das geht für mich schon einmal garnicht! Dann haben sie keine schwenkbaren Display's. Für Video's vom Stativ, bei denen man sich selbst filmt geht das garnicht! Ich schaue mich bei Fuji um. Für Fotografie sind die Teile top. keine Frage. Aber bei Video sind sich alle einig. Taugt nichts!Also auch abgehakt. Da haben wir dann noch Canon. Habt ihr mal eine M5 oder M50 in der hand gehabt? Der Verkäufer hat die Teile angepreisen, während ich sie in der Hand hatte. Viel zu unhandlich gebaut. Beide sind zu flach. Die M5 hat keinen richtigen Griff und auch der Griff der M50 ist mir viel zu klein. Verkäufer: "Aber ..." unterbrach ich mit "... nichts ABER! Mir nutzen die tollen Features nichts, wenn ich mich mit der Haptik nicht wohlfühle!" und wieder raus aus dem Laden. DSLR? Scheitert schon bei den Video-Funktionen!

Tja ich habe ja die FZ1000. Ich könnte ja mal bei MFT schauen. Zuerst einmal Olympus. Sehr viele Kamera's im Messsucher-Design. Die E-M10 III ist im Grunde auch nichts anderes als eine noch kleinere M50 mit noch weniger Griff. Also wie eine M5. Die E-M5 II schwächelt bei Video und die E-M1 II ist mir zu teuer und ich sehe auch noch nicht so richtig, warum sie so teuer sein muss. Also schauen wir uns die Lumix-Kamera's an. GX80 wieder Messsucher und zu klein. GX8 wieder Messsucher, aber krass ausgestattet und ungewöhnlich großer Griff. Da kommt man schon etwas ins grübeln. Aber sie befindet sich im Abverkauf und ist daher schon recht teuer. Die GX9 ist ein GX8 Downgrade. Wiede der Griff zu klein, technisch abgespeckt. GH5 ist mir zu teuer. Hier zahle ich für Dinge drauf, die ich nicht brauche. Das gleiche gilt für die G9. Zuletzt hatte ich mal die Chance, die G81 in die Hand zu nehmen. Und da hat es klick gemacht. Nicht zu klein und nicht zu groß. Sie liegt mir perfekt in der Hand. Sie kann alles, was ich suche. Aber auch nicht so viel mehr, das ich einen hohen Aufpreis zahlen muss. Aber auch bei MFT gibt es wieder viele Fotografen, die einem klar machen wollen, das es nichts taugt. Freistellungspotenzial kaum vorhanden. Weitwinkel ohne extreme Verzeichnungen kaum möglich. Lichtstarke Objektive verhältnismäßig teuer und die richtig lichtstarken sind zudem manuell. Vom Rauschen mal ganz abgesehen. Ja und nun?

Das Ergebnis
Am Ende habe ich mich für MFT entschieden. Aber Warum? Die Gründe sind vielleicht teils etwas seltsam. Aber mir sind sie wichtig. Zum einen möchte ich ernsthaft fotografieren. Und da komme ich direkt zum Thema Freistellung und Bokeh. Die Blende beeinflusst nicht nur die Lichtstärke, sondern auch die Größe der Schärfeebene. Je offener die Blende, um so geringer die Schärfeebene (kleinerer Schärfekreis auf dem Sensor). Das hebt sich allerdings mit keinerem Sensor wieder auf, da der Anteil des Schärffekreises an Fläche auf dem Sensor größer wird, je kleiner der Sensor wird. Die Lichtstärke bleibt also gleich, aber die Schärfeebene wird in Relation größer. Jaha theoretisch habe ich da schon viel gelernt. Bei Kleinbild kann ich also bei Blende 1.8 schön freistellen und mit Blende 1.4 bekomme ich ein mörder Bokeh ... Schön ... Klasse ... Langweilig! Ich finde es einfach viel spannender, mich um Licht, Abstände und Kontraste bei der Motivgestaltung zu kümmern, als die Blende aufzureißen, abzudrücken und mich über krasse Freistellung und extrem unscharfen Hintergrund zu freuen. Klar haben die KB-Objektive vom Hersteller Fokus- und Blendenmotoren. Aber ich finde es schon interessanter, lieber vollmanuelle Objektive zu nutzen und einfach zu fühlen und zu erleben, was ich da eigentlich mache. Bei der Videografie darf es dann gerne auch das etwas geschlossenere Objektiv sein.

Ein weiterer Grund ist der Stabilisator. Mich kotzt die EOS 1000D ohne Stabi an. Wenn ich im hellen bei ISO 100 fotografiere, dann sind die Belichtungszeiten schön kurz. Aber wenn ich versuche, etwas im Schatten kurz vor Dämmerung zu fotografieren, dann ist leider oftmals die Belichtung ein ticken zu lang und es verwischt. Aber ich schleppe nicht den ganzen Tag ein Stativ mit mir herum. Die FZ1000 und dessen Stabi machen einen unglaublichen Job.

Die Objektiv-Qualität scheint bei MFT im Schnitt selbst bei günstigen Linsen gut zu sein. bei MFT hat man wirklich das Gefühl, eher für den Bildlook als für die Qualität zu zahlen. Wahrscheinlich liegt das daran, das auf Grund der kleineren Bauart weniger Fehleranfälligkeiten herrschen. Kaum einer verliert ein ernsthaft schlechtes Wort über die Sigma MFT-Linsen. Selbst die Samyang stehen recht gut da. Walimex Pro Objektive sind vor allem bei der Videografie sehr beliebt. Die Laowa-UWW sind der Hammer und mit dem Mitakon 25mm 0.95 bekommt man ein Hardcore-Porträt-Objektiv. Oder die Voigtlander. Man kann seine komplette Ausrüstung gefühlt einfach viel besser abstimmen.

Und der letzte Grund sind natürlich die Features, die man bei MFT für vergleichsweise wenig Geld bekommt. Ihr hier wisst das noch besser als ich. Viele Worte muss ich da nicht verlieren.

Aber Warum muss das so?
Warum denken die Hersteller immer in Extremen? Entweder das eine oder das andere. Sony liefert für Fotografen die Alpha 7R, für die Videografen die Alpha 7S und für Allrounder die Alpha 7. Dort hat man eine klare Trennung. Aber eben nur Vollformat. Warum machen sie das nicht auch bei APS-C? Und vor allem: Warum bringen sie eine APS-C nicht auch einmal mit einem anderen Design als mit diesem Messsucher-Layout? Die Antwort dürfte klar sein. Angst vor der Kanibalisierung ihrer Alpha7/9 Produkte. Siehe DSLR bei anderen Herstellern. Dort werden deutlich mehr APS-C Kamera's als Kleinbild verkauft.

Warum bringt Canon keine griffigeren Gehäuse? Warum liefern sie für EF-M nicht mehr Objektive? Die Antwort ist auch klar. Zuerst haben sie DSLM nicht ernst genommen und sobald sie mit ihrer neuen KB-DSLM rauskommen, würden sie mit besseren APS-C Kamera's die KB-DSLM's kanibalisieren. Sie haben es ja bei ihren DSLR's gesehen. Die haben deutlich mehr APS-C Spiegel verkauft als Kleinbild (oh ein Muster). Deswegen wird in absehbarer Zeit Nikon auch mit keiner APS-C DSLM kommen. Damit haben wir auch den Verein abgehandelt.

Fuji muss man lieben, um ihr Produktkonzept zu mögen. Das ist nunmal kein Geheimnis, das man sich da für etwas besonderes entscheidet, dafür aber auch die Preise zahlt. Das gleiche trifft auch auf Leica zu. Nur heftiger.

Aber auch bei MFT hat mich etwas verwirrt. Olympus scheinen Fotokamera's zu sein, die auch etwas Video bieten, wohingegen Panasonic die Allrounder liefern will (was ja genau mein Ding ist). YI ist zur Zeit nichts halbes und nichts ganzes. Aber wenn sie am Ball bleiben, dann könnten sie durhaus Potenzial entwickeln. Aber ich habe für all die Kamera's die gleichen Objektive. Und das ist cool.

Und damit haben wir es!
Das ganze Prozedere hat mich Monate gekostet. Dafür habe ich eine Wahl getroffen und fühle mich gut. Die G81 wird es werden (wenn sie nicht noch in den nächsten Monaten eine G91 bringen). ich musste wirklich feststellen, das wenn man auf sein Geld achten und sich alles genau überlegen muss, eine solche Entscheidung nicht von jetzt auf gleich treffen darf. Man darf sich nicht von Kleinigkeiten triggern lassen. Nicht von einem Manuel Neuer, der sich als Wildlife-Fotograf versucht! Nicht von einem Berufsfotograf oder Equipment-Enthusiasten beeinflussen lassen. In Meiner Situation würde der Berufsfotograf mir eine Alpha A6XXX empfehlen und mir sagen, das ich für eine gute Kamera für wenig geld auch Kompromisse bei der Haptik eingehen muss. Der Enthusiast würde mir raten, definitiv eine Kleinbild zu nehmen und mich beim sparen anzustrengen. Denn ich habe die Erfahrung gemacht, das in der Fotografie und beim Equipment die Leute deutlich stärke in Absouten denken und beraten, als es in anderen Bereichen der Fall ist. Also vorsicht! Denn am Ende wird es sonst teuer, als ihr es eigentlich wirklich braucht!
Panasonic Lumix DMC-FZ1000
Canon EOS 1000D + 18-55 + 70-300

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